Blumen überall
Im Frühling 2025 lud die Fachrichtung Trends & Identity zur Blumen-Tagung im Zürcher Maison Shift. Egal, ob es um religiöse, politische oder magische Bedeutungen, wirtschaftliche Faktoren, ihre Rolle in der Kunst und im Design oder um Biologie ging: Für einen Tag drehte sich alles um die allgegenwärtige und manchmal widersprüchliche Popularität der Blume. Ein Rückblick für alle, die nicht dabei sein konnten.
Sie stellte üppige Bouquets aus grossblumigen grünen Orchideen und «Unkraut» wie Hopfen, Brombeerranken und Waldrebe in die Schaufenster und sorgte damit für Aufsehen. Die englische Floristin Constance Spry (1886–1960) brach Ende der 1920er-Jahre sämtliche Regeln der zeitgenössischen Floristik. Auf dem Höhepunkt ihrer Laufbahn wurde sie beauftragt, für die Krönung von Queen Elizabeth II am 2. Juni 1953 die «processional route» vom Buckingham Palace zur Westminster Abbey mit Blumen zu schmücken. Ihr florales Design bleibt bis heute einflussreich; ebenso bemerkenswert ist ihre Rolle in der lesbischen bzw. homosozialen Community der 1930er-Jahre, in der sie mit ihrer Arbeit auch andere Künstler:innen inspirierte. Mit ihrem Beitrag «Doing the Flowers» zeichnete Anna-Brigitte Schlittler den Weg der Floristin nach.
Mehr als nur Dekoration
Blumen, als Symbol des Zyklus von Aufblühen und Verblühen, prägen die Atmosphären von Sterbesettings und Ritualen rund um die Endlichkeit. Sie sind dabei mehr als nur Dekoration: Sie materialisieren individuelle Spiritualität, spenden Trost und verbinden Menschen in einer gemeinsamen Erfahrung. Rituale mit Blumen – von Bouquets am Krankenbett bis zu Altarformationen – schaffen Raum für Transzendenz und Würde. Ausgehend von einer intensiven designethnographischen Forschung in Sterbesettings zeigte Bitten Stetters Beitrag «Florale Normen: Ästhetik des Übergangs von Leben zu Tod», wie Blumen als Hybrid-Objekt für Leben und Vergänglichkeit im Sterbeprozess genutzt werden können.
Design und Poesie sind selten eng befreundet: Die Designerin denkt streng, sachlich und systematisch, der Poet hingegen widersetzt sich dem funktionalen Zeichentausch. Die Regeln der Pragmatik interessieren ihn nicht, Blumen hingegen schon. Seit der Antike sind sie Gegenstand der Dichtung, werden einzeln oder im Gebinde besungen, stehen für Freundschaft und Liebe, für Treue und Vergänglichkeit, für Trost und Hoffnung. Anemone, Aster, Malve, Gänseblümchen, Veilchen und Vergissmeinnicht: Alles, was blüht, lässt sich poetisch gestalten. Franziska Nyffenegger reflektierte in ihrem Beitrag «Rose Rose Reseda: ein Poesiealbum für Blumenfreund:innen», was Design und Designtheorie allenfalls von der Poesie lernen könnten, und blätterte dann, gemeinsam mit den Anwesenden, in einem eigens für diesen Anlass zusammengestellten Poesiealbum.
Lust auf Opulenz oder Weltflucht
Eklektische Blumeninstallationen, Fairtrade-Wildwiesensträusse oder leuchtend gelbe Mimosa-Stauden: Drapiert in ausgesuchten Keramikvasen entfaltet sich aktuell ein neuer Sinn für florale Gestaltung – in Altbauwohnungen des urbanen Bürgertums, angesagten Pop-up-Restaurants oder zur Eröffnung des Flagship-Stores. David Jäggis Beitrag «Von Tankstellenshop bis Grandhotel – eine fotografische Spurensuche» fragte: Ist dies Ausdruck einer neuen Lust auf Ornament und Opulenz? Ein Zeichen ungestillter Sehnsucht nach Naturbildern? Oder ein Symptom für fatalen Eskapismus in Krisenzeiten? Ethnografisch ausgerüstet mit Kamera, Notizblock und einem Blick für Dekorationstechniken und Atmosphärenmanagement begab sich Jäggi auf eine Reise querfeldein. Mit der Recherche wirft er Fragen zu geschmacklicher Situiertheit, sozialer Verortung und Klasse auf: Welche Blume gilt als bünzlig, welche Kombination ist Avantgarde und was wird als «gute» Gestaltung verstanden?
