Vom Keller durchs Labyrinth aufs Dach und zurück
Wie hängen eine Ausstellung im Landesmuseum, die Schliessung einer Molkerei und die Entwicklung der Technokultur in Zürich zusammen? Wir begeben uns auf Spurensuche mit Nicholas Schärer, Dozent bei Cast / Audiovisual Media im Departement Design.
Roher Beton und die Proportionen eines Industriebaus charakterisieren die Erweiterung des Landesmuseums in Zürich. Während vier Monaten thronte über der monumentalen Eingangstreppe, montiert auf einem Baugerüst, ein einsames DJ-Pult. Und erinnerte damit tatsächlich ein wenig an die Atmosphäre grosser Technoclubs, wie es sie in den letzten Jahrzehnten in vielen Städten Europas gab. Eine ebenso schlüssige wie ambivalente Geste. Denn zeigt die Umarmung durch diese staatliche Kulturinstitution nicht auch, dass hier eine innovative Subkultur kanonisiert und damit museumsreif geworden ist? Die Ausstellung «TECHNO» schlug den grossen Bogen von der Genealogie der Technomusik (einschliesslich eines nostalgisch stimmenden Plattenladens mit Hörstationen) über Stil-, Gender- und Diversitätsfragen, die vielfältigen Motive, die Menschen zum Hören, Feiern und Tanzen verleiten, bis hin zu den Orten, an denen alles zusammenkommt – oder eben kam. Denn die Zeiten, in denen Techno als Avantgarde dem Nachtleben den Takt vorgab, sind vorbei.
Eine Zeit der Experimente
Für Nicholas Schärer begann die Auseinandersetzung mit elektronischer Musik und deren Communities mit Mix-Tapes und Raves im Jura, in Bern, Basel, Luzern und natürlich Zürich. In den 90er-Jahren blühte die Technokultur auf, in den Zentren und in der Peripherie. Nachdem in Zürichs Westen die Fabriken geschlossen und die Arbeiter:innen das Viertel verlassen hatten, gab es plötzlich Freiräume in einer Stadt, die noch wenige Jahre zuvor im zweifelhaften Ruf gestanden hatte, in erster Linie wirtschaftsfreundlich und in zweiter genussfeindlich zu sein. In leerstehenden Lagerhallen, Tiefgaragen oder besetzten Häusern konnten Dinge ausprobiert werden, die anderswo nicht möglich waren. So entstand ein Ökosystem aus legalen, halblegalen und illegalen Veranstaltungen. Wer sich wie Schärer dafür interessierte, fand rasch Anschluss und Möglichkeiten, selbst aktiv zu werden.
Die Kunst des Organisierens
«In den frühen 00er-Jahren waren Kulturbesetzungen ein integraler Bestandteil des Zürcher Nachtlebens und, viel stärker als heute, verwoben mit der Clubszene. Diese hat sich in den letzten zwanzig Jahren stark diversifiziert und professionalisiert. In gemeinschaftlich organisierten Strukturen aber gibt es einen intrinsischen Anspruch, Wissen und Fähigkeiten zu teilen. So konnte ich das Handwerk lernen und fand gleichzeitig einen Freiraum für musikalische Experimente», erzählt Schärer. Ab 2007 betrieb er mit Freunden ein DIY-Label, meist mit Fokus auf lokale Musiker:innen. 2015 erfolgte die Gründung des Labels «-OUS» und des Musikverlags «Shutter Music». «Es ist mir wichtig, das Musiklabel ernsthaft zu betreiben und finanziell abzusichern. Geld lässt sich im heutigen Umfeld mit Musik nicht wirklich verdienen – zumindest nicht dann, wenn sie nicht kompatibel mit Spotify oder TikTok ist. Musik hat die Kraft, dich ganz unmittelbar zu packen; dieser direkte Transfer von kulturellem Inhalt zu Gefühl ist der Grund, wieso mich das Ganze auch nach achtzehn Jahren nicht loslässt.» Das Label bietet ausgewählten Musiker:innen professionelle Strukturen. Rund die Hälfte kommt aus der Schweiz, wo die Kosten durch Fördermittel gedeckt werden können. Mit den Einnahmen aus Plattenverkäufen und Veranstaltungen werden dann Produktionen von Musiker:innen aus anderen Ländern realisiert.
Die Liebe zur Nische
Musik steht nicht für sich allein: Sie braucht Resonanzräume, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Und sie findet in sozialen Zusammenhängen statt. Schärer interessiert sich für das Spannungsfeld, in dem sich die Eigenheiten eines Ortes mit einer bestimmten Form von Musik und einer Szene überlappen. Wenn, wie er es beschreibt, «fünfzehn bis sechzig Leute an einem komischen Ort an ein komisches Konzert gehen.» Es ist eine Liebe zur Nische, die etwas ganz Konkretes erreichen will: einer Community, mag sie auch noch so klein sein, jene Erfahrung zu ermöglichen, nach der sie gesucht hat. Dafür hat er das «Umbo» mitgegründet, einen «unkommerziellen Raum für unkonventionelle Musik», gelegen in der ehemaligen Bahnhofsunterführung am Letten, und war im Team des «Rhizom», eines transdisziplinären, kollektiv organisierten Musik- und Kunstfestivals, das bisher viermal in der Roten Fabrik stattfand.
Der Transfer von Wissen und Ideen
Schärer hat über die Jahre einen Platz gefunden, im «Dreieck zwischen Kultur, Musik und Medien», wo sich Interessen entfalten, über einen Prozess des Experimentierens verschieben und in neu erschlossenen Tätigkeitsfeldern weiterentwickeln können. Teil davon ist auch sein Wirken als Dozent der Fachrichtung Cast / Audiovisual Media am Departement Design. Die Anstellung ermöglicht ihm nicht nur, manche Projekte ehrenamtlich umzusetzen, sondern auch den wechselseitigen Transfer von Ideen und Wissen zwischen institutionellem Kontext und freier Szene. «Die ZHdK ist wahrscheinlich einer der wenigen Orte, wo prozesshaftes Denken und Arbeiten noch möglich ist, ohne genau zu wissen, was für ein Produkt entstehen soll. Aber auch das steht wahnsinnig unter Druck.» Ein aktuelles Projekt schliesst den Kreis zwischen der zwischengenutzten Toni-Molkerei, der Ausstellung «TECHNO» als Würdigung dieser Zeit und der Gegenwart der ZHdK im Toni-Areal: mit den Cast-Studierenden Ronja Bollinger und Chiara Temmel sowie dem Alumnus Tillo Spreng produzierte Schärer einen Beitrag für das Landesmuseum. Vor Clubs in Zürich und Genf und an der Street Parade sprachen sie mit den Menschen über Techno, Tanzen und Community. Aus diesen persönlichen Statements entstanden drei Audio-Collagen und eine Videoprojektion, die den Besucher:innen von «TECHNO» ein Gefühl für heutige Zugänge zu Technokultur und den Räumen, in denen sie stattfindet, vermitteln sollten.
Vom Keller durchs Labyrinth aufs Dach und zurück
Das heutige Toni-Areal war einst der grösste milchverarbeitende Betrieb Europas, 83 000 Quadratmeter Fläche am Rand des Industriequartiers. 1999 wurde die Anlage stillgelegt und plötzlich war da dieser ganze Platz. In den darauffolgenden Jahren richteten sich drei Clubs darin ein: An die «Toni-Molkerei» erinnert sich Schärer als minimalistisch gestalteten Ort, an dem getanzt wurde, wo aber auch viele andere Formate stattfanden. Kunst und Design wurden kombiniert mit Musik und manchmal extravaganteren Elementen wie Pingpong. Ebenfalls im Untergeschoss, aber am anderen Ende des Gebäudes, fand sich das «Rohstofflager». «Das war ein Grossclub, ausgestattet mit einem fetten Sound- und Lichtsystem in einer schwarz gestrichenen Halle. Veranstaltet wurden Raves mit den damals bekannten internationalen DJs.» Ganz zuoberst dann der wohl legendärste der drei «Toni-Clubs»: die «Dachkantine», wo sich Ästhetik, Programm und Publikum mehr an der Subkultur orientierten. «Musikalisch sehr breit und bespielt von vielen Kollektiven mit Verbindungen in die Besetzer:innenszene, sah es in der Dachkantine so aus, wie man sich in etwa das Fusion Festival oder einen Berliner Club in den 90ern vorstellt: Shabby Chic mit Holz, Teppichen und Sofas. Vieles wurde vom ehemaligen Personalrestaurant übernommen, aber sehr bewusst gestaltet.» Als Zückerchen konnte man auf der Dachterrasse zu früher Stunde in den Sonnenaufgang blinzeln. Zwischen den Clubs fanden sich endlose Gänge und Hallen, die zu Ateliers, Ausstellungen oder temporären Sportstätten führten. «Ein eigentliches Labyrinth», wie Schärer es nennt, in dem sich unterschiedlichste Ideen materialisierten. 2010 verliess mit dem «Rohstofflager» der letzte Club die ehemalige Toni-Molkerei und der Umbau zum Hochschulcampus begann. Auch die Umgebung änderte sich grundlegend: Industriegebäude wichen Wohn-, Hotel- und Bürobauten und mit ihnen auch die Menschen, die Zürichs Westen zu einem Zentrum der Subkultur gemacht hatten.
Die verlorene Freiheit zurückgewinnen
Ist Techno nun ein Fall fürs Museum oder nicht? Für Nicholas Schärer nicht die entscheidende Frage: Denn natürlich könne die Stadt die Geschichte ihrer innovativen Clubkultur feiern. Das Leben aber finde heute statt. Und da frage sich, wie junge Menschen wieder einen unkomplizierten Zugang zu selbstbestimmten Räumen bekommen könnten. Und damit eine Freiheit zurückgewinnen, die mit der Transformation in Zürichs Westen und anderen Vierteln der Stadt grösstenteils verloren ging. Egal, ob es um elektronische Musik geht, schräge Veranstaltungen oder etwas ganz anderes, das nur so entstehen kann.
